UKW vs. DAB+ – Technischer Klangvergleich
UKW gegen DAB+ im direkten Vergleich: Warum UKW in Österreich klanglich überlegen ist. Analyse der 54 CU Bitraten, Codec-Artefakte bei HE-AAC v2, Cliff-Effekt und der Dolby-Atmos-Mythos.
UKW vs. DAB+ – Technischer Klangvergleich
Ein technischer Vergleich beider Übertragungswege – Audioqualität, Infrastrukturkosten und Praxiserfahrung aus Österreich.
Die Diskussion um die Zukunft des Hörfunks wird seit Jahren geführt: Soll UKW (FM) abgeschaltet und durch DAB+ ersetzt werden? In Ländern wie Norwegen wurde UKW bereits teilweise abgeschaltet, in Deutschland und der Schweiz laufen beide Systeme parallel. In Österreich ist DAB+ seit 2018 on air – aber die Frage bleibt: Ist DAB+ wirklich besser als UKW?
Als Unternehmen, das seit über 20 Jahren beide Technologien plant und betreibt, können wir diese Frage aus der Praxis beantworten. Und die Antwort ist differenzierter, als die DAB+-Marketingbroschüren vermuten lassen.
Die Klangqualität: Das größte Problem von DAB+ in Österreich
Das vielleicht wichtigste Argument für Radio ist der Klang. Und hier hat UKW in der aktuellen Praxis einen deutlichen Vorteil gegenüber DAB+ – jedenfalls so, wie DAB+ in Österreich betrieben wird.
Der Grund ist einfach: Bandbreite. In Österreich stehen den meisten DAB+-Programmen lediglich 54 CU (Capacity Units) zur Verfügung. Das entspricht einer Datenrate von etwa 48–64 kbit/s in HE-AAC v2. Zum Vergleich: Spotify streamt in der Gratis-Version mit 128 kbit/s, in Premium mit 256 kbit/s – also dem 4- bis 5-fachen der DAB+-Bitrate.
UKW (FM) – Klangqualität
- Bandbreite: 200 kHz Kanalbandbreite, davon ca. 53 kHz für Audio (Mono + Stereo-Differenz). Das analoge Signal wird nicht komprimiert – es ist eine direkte, verlustfreie Abbildung des Audiosignals.
- Stereo-Kanaltrennung: > 40 dB bei guten Empfängern, in der Praxis 30–35 dB. Für den Höreindruck mehr als ausreichend.
- Frequenzgang: 30 Hz – 15.000 Hz. Durch modernes Audio-Processing (z. B. Stereo Tool) klingt UKW brillant und druckvoll.
- Dynamik: Praktisch ca. 50–60 dB Signal-Rausch-Abstand bei gutem Empfang. Durch Prozessierung wird die Dynamik optimal genutzt.
- Keine Codec-Artefakte: Da UKW ein analoges Verfahren ist, gibt es keine digitalen Kompressionsartefakte. Kein Pre-Echo, kein Birdie-Noise, kein „Blubbern" bei niedrigen Bitraten.
DAB+ (54 CU) – Klangqualität
- Bitrate: 48–64 kbit/s in HE-AAC v2 (mit SBR und PS). Das ist extrem wenig für Musikwiedergabe.
- SBR (Spectral Band Replication): Obere Frequenzen werden nicht wirklich übertragen, sondern aus den unteren Frequenzen „geschätzt". Das führt zu einem künstlichen, metallischen Klang bei Becken, Streichern und Zischlauten.
- Parametric Stereo: Bei sehr niedrigen Bitraten wird kein echtes Stereo übertragen, sondern ein Mono-Signal mit Stereo-Parametern „aufgeblasen". Das Stereo-Bild klingt flach und unnatürlich.
- Hörbare Artefakte: Pre-Echos (Geisterstöße vor Transienten), Codec-Blubbern bei komplexen Passagen, Verlust von Obertönen, verwaschene Höhen.
- Ergebnis: Bei 54 CU klingt DAB+ schlechter als UKW – und oft auch schlechter als ein guter Internetstream.
Warum sind die DAB+-Bitraten in Österreich so niedrig?
Ein DAB+-Multiplex (Ensemble) hat eine feste Gesamtkapazität von 864 CU pro Block. In diesen Block müssen alle Programme des Ensembles hineinpassen. Je mehr Programme in einem Multiplex untergebracht werden, desto weniger Bitrate steht für jedes einzelne Programm zur Verfügung.
In Österreich betreibt die ORS (Österreichische Rundfunksender) den nationalen DAB+-Multiplex. Um möglichst viele Programme unterzubringen (und damit die Kosten pro Programm zu senken), werden die Bitraten auf 48–72 kbit/s gedrückt. Das Ergebnis: Bis zu 15+ Programme passen in einen Multiplex – aber keines davon klingt wirklich gut.
Zum Vergleich: Für eine wirklich gute Audioqualität in HE-AAC v2 wären mindestens 96–128 kbit/s nötig – dann würden aber nur noch 6–8 Programme in einen Multiplex passen. Das wäre wirtschaftlich für die Betreiber nicht attraktiv.
Der Mythos „Dolby Atmos über DAB+"
In letzter Zeit tauchen immer wieder Behauptungen auf, dass Dolby Atmos – das immersive 3D-Audio-Format aus dem Kino – über DAB+ übertragen werden könnte. Das klingt beeindruckend, ist aber technisch nicht korrekt. Hier die Erklärung warum:
1. Inkompatible Codecs
Dolby Atmos benötigt einen spezifischen Codec als Container: Dolby Digital Plus (E-AC-3) mit Joint Object Coding (JOC) oder Dolby AC-4. Der DAB+-Standard (ETSI EN 300 401) schreibt jedoch MPEG-4 HE-AAC v2 als Audio-Codec vor. Dolby Atmos kann schlicht nicht in einen HE-AAC-Stream eingebettet werden – es ist ein fundamental anderes Format. Das ist so, als würde man versuchen, eine Blu-ray-Disc in einen CD-Player zu legen.
2. Bandbreite reicht nicht ansatzweise
Dolby Atmos in Dolby Digital Plus benötigt typischerweise 384–768 kbit/s für eine ordentliche Qualität. Ein einzelner DAB+-Kanal mit 54 CU liefert maximal 64 kbit/s – das ist weniger als ein Zehntel der benötigten Bandbreite. Selbst wenn man einen kompletten DAB+-Multiplex (864 CU ≈ ca. 1.152 kbit/s Gesamt-Nutzdaten) für ein einziges Dolby-Atmos-Programm nutzen würde, wäre die Qualität fragwürdig. In der Praxis ist das wirtschaftlich völlig undenkbar.
3. Verwechslung mit MPEG-H 3D Audio
Was tatsächlich existiert, sind Testausstrahlungen mit MPEG-H 3D Audio über DAB+. MPEG-H ist ein anderes immersives Audioformat – entwickelt vom Fraunhofer IIS (dem Erfinder von MP3). MPEG-H ist nicht Dolby Atmos. Beide sind zwar „immersiv" und „objektbasiert", verwenden aber komplett unterschiedliche Codecs, Metadaten-Formate und Renderer. Es ist etwa so, wie der Unterschied zwischen JPEG und PNG – beides sind Bildformate, aber sie sind nicht austauschbar.
4. Empfänger-Realität
Selbst wenn ein immersives Format technisch über DAB+ ausgestrahlt werden könnte: Kein einziges handelsübliches DAB+-Radio kann Dolby Atmos oder MPEG-H decodieren. Man bräuchte neue, spezialisierte Empfänger – und die Hörer bräuchten Kopfhörer oder Mehrkanal-Lautsprechersysteme, um den Effekt überhaupt wahrzunehmen. Über die eingebauten Mono-Lautsprecher der meisten DAB+-Radios ist immersiver Sound schlicht nicht erlebbar.
Zusammenfassung: „Dolby Atmos über DAB+" ist ein Marketing-Missverständnis. DAB+ kann weder den erforderlichen Codec (E-AC-3/AC-4) transportieren, noch hat es die nötige Bandbreite, noch gibt es passende Empfänger. Was in Labortests gezeigt wird, ist MPEG-H 3D Audio – ein anderes Format, das mit Dolby Atmos nichts zu tun hat und das ebenfalls nicht mit den derzeit in Österreich verwendeten 54 CU realisierbar ist.
Der Cliff-Effekt: Wenn DAB+ plötzlich verstummt
UKW: Graceful Degradation
UKW-Signale werden bei schwächerem Empfang schrittweise schlechter – aber sie verschwinden nicht abrupt:
- Bei nachlassender Feldstärke schaltet der Empfänger zuerst von Stereo auf Mono um
- Dann nimmt das Rauschen zu (Hiss)
- Erst bei sehr schwachem Signal wird der Empfang unbrauchbar
- Aber: Man hört immer noch etwas – und man kann einschätzen, ob sich die Empfangslage verbessert (z. B. im Auto)
Dieses „sanfte Abklingen" nennt man Graceful Degradation. Es ist ein enormer Vorteil in der Praxis, insbesondere im Fahrzeug.
DAB+: Cliff Effect
DAB+ ist ein digitales System – es funktioniert entweder perfekt oder gar nicht:
- Bei ausreichender Feldstärke: perfekter Empfang
- Bei nachlassender Feldstärke: kurze „Blubberer" und Aussetzer
- Knapp unter dem Mindestpegel: komplette Stille
- Kein Übergang, keine Warnung – der Ton ist einfach weg
Dieser abrupte Signalverlust heißt Cliff Effect (Klippeneffekt). Besonders ärgerlich auf Autobahnen in Alpentälern, wo das Signal ständig zwischen „perfekt" und „tot" wechselt.
Vergleichstabelle: UKW vs. DAB+
| Kriterium | UKW (FM) | DAB+ (54 CU) |
|---|---|---|
| Klangqualität (Musik) | ★★★★★ Analog, ohne Codec-Artefakte |
★★☆☆☆ 48–64 kbit/s, hörbare Artefakte |
| Stereo-Qualität | ★★★★☆ Echtes Stereo über MPX |
★★☆☆☆ Parametric Stereo, flaches Bild |
| Empfangsverhalten | ★★★★★ Sanftes Abklingen (Graceful Degradation) |
★★☆☆☆ Cliff Effect – ganz oder gar nicht |
| Indoor-Empfang | ★★★★☆ Gut, auch mit einfacher Antenne |
★★★☆☆ Teilweise Probleme in Gebäuden |
| Empfänger-Verfügbarkeit | ★★★★★ In jedem Auto, jedem Handy, jeder Küche |
★★★☆☆ Neue Geräte nötig, kein Handy-Chip |
| Stromverbrauch (Empfänger) | ★★★★★ Sehr gering, einfache Schaltung |
★★★☆☆ Digitale Signalverarbeitung braucht mehr Strom |
| Notfall & Katastrophenschutz | ★★★★★ Jedes Batterie-Radio empfängt UKW |
★★☆☆☆ Spezialgerät nötig, höherer Stromverbrauch |
| Programmvielfalt | ★★★☆☆ Begrenzte Frequenzen pro Region |
★★★★☆ Mehr Programme pro Multiplex |
| Zusatzdienste | ★★★☆☆ RDS (Sendername, Radiotext, TP/TA) |
★★★★☆ Slideshow, MOT, Journaline, EPG |
| Kosten für Veranstalter | ★★★★☆ Eigener Sender, volle Kontrolle |
★★☆☆☆ Hohe Multiplexgebühren, wenig Einfluss |
Weitere Vorteile von UKW
Keine Latenz
UKW wird in Echtzeit übertragen – ohne Verzögerung. DAB+ hat systembedingt eine Latenz von 2–5 Sekunden durch die digitale Codierung und das Time-Interleaving. Das fällt auf, wenn man z. B. ein Tor im Radio hört und der Nachbar mit UKW schon jubelt.
Unabhängigkeit
Bei UKW betreibt jeder Sender seine eigene Infrastruktur und hat volle Kontrolle über Sendeleistung, Klang und Verfügbarkeit. Bei DAB+ ist man abhängig vom Multiplexbetreiber – in Österreich die ORS. Dieser bestimmt die Bitrate, den Standort und die Verfügbarkeit. Private Radiobetreiber haben wenig Einflussmöglichkeiten.
Wirtschaftlichkeit
Ein eigener UKW-Sender kostet in der Anschaffung zwischen 5.000 und 50.000 Euro (je nach Leistung) und im Betrieb wenige hundert Euro pro Monat. Die Kosten für einen DAB+-Sendeplatz liegen bei mehreren tausend Euro pro Monat – ohne dass der Veranstalter die technischen Parameter beeinflussen kann.
Bewährt und zuverlässig
UKW ist seit über 70 Jahren im Einsatz und die Technologie ist ausgereift, robust und weltweit standardisiert. Die Empfänger sind billig, die Infrastruktur steht, die Frequenzen sind koordiniert. Es gibt keinen technologischen Grund, ein funktionierendes System abzuschalten und durch ein qualitativ schlechteres zu ersetzen.
Wo DAB+ seine Berechtigung hat
Fairerweise muss man sagen: DAB+ hat durchaus Vorteile in bestimmten Szenarien. Es wäre unseriös, das zu verschweigen.
Programmvielfalt: Wenn in einer Region keine UKW-Frequenzen mehr frei sind, kann DAB+ zusätzliche Programme anbieten.
Gleichwellennetz (SFN): Mehrere DAB+-Sender können auf derselben Frequenz senden, was die Frequenzökonomie verbessert.
Zusatzdienste: Programmbegleitende Daten wie Slideshows, Journaline und EPG sind bei UKW/RDS nicht in diesem Umfang möglich.
Wortprogramme: Für reine Sprachprogramme (Nachrichten, Podcasts) ist die Bitrate von 54 CU ausreichend – hier fallen die Qualitätseinbußen kaum auf.
Wie wir das sehen
Wir arbeiten seit Jahren im Rundfunkbereich und kennen beide Systeme aus der Praxis. Und wenn uns jemand fragt, was besser klingt – dann ist die Antwort klar: UKW. Jedenfalls so, wie DAB+ in Österreich derzeit betrieben wird. Mit 54 CU pro Programm lässt sich kein Sound realisieren, der mit einer gut aufgesetzten UKW-Kette mithalten kann.
Das Problem ist nicht die DAB+-Technologie an sich – mit 96 oder 128 kbit/s wäre der Klang sogar besser als UKW. Aber solange die Multiplexbetreiber möglichst viele Programme in einen Block quetschen, bleibt die Qualität auf der Strecke.
Deshalb setzen wir auf UKW als primären Verbreitungsweg – und helfen unseren Kunden, das Maximum aus der analogen Technik herauszuholen.